Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IFKW)
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Nachruf auf Hans-Martin Kirchner

Am 10. Juni 2022 verstarb in Gauting der Markt- und Mediaforscher Dr. Hans-Martin Kirchner, der unserem Institut über viele Semester als Lehrbeauftragter verbunden war. Ein Nachruf von Heinz Starkulla.

09.08.2022

hans-martin-kirchner

Geboren am 31. Oktober 1926 in Berlin als Sohn des Bibliothekars Joachim Kirchner (1890–1978), ging er in Frankfurt/Main und München zur Schule; dorthin hatte der Weg des Vaters als Bibliotheksdirektor geführt. Wehrmachtssoldat von 1943 bis 1945, durchlief Hans-Martin Kirchner nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine ungewöhnlich vielseitige Ausbildung, zu der neben einem Doppelstudium auch eine Buchhandels- und Verlagslehre gehörte. 1956 wurde er bei dem renommierten Historiker Franz Schnabel in München mit einer Arbeit über den Philologen und Kulturpolitiker Friedrich Thiersch zum Dr. phil. promoviert. Nur am Rande sei erwähnt, dass diese gediegene Dissertation vierzig Jahre später, und seither noch mehrere Male, im Buchhandel neu aufgelegt wurde. Doch auch ein Studium zum Diplom-Kaufmann hat Kirchner abgeschlossen; die Diplomarbeit handelte vom Wert des Eigentums an einer Zeitschrift.

Mit dieser Thematik aber war Hans-Martin Kirchner an einem Schwerpunkt seiner Lebensarbeit angelangt. Neben seinem Brotberuf als Verlagsberater, Markt-, Medien- und Werbeforscher (so beispielsweise für EMNID oder für den Süddeutschen Verlag) wurde die Zeitschriftenforschung zu seiner Domäne. Schon sein Vater, der neben Lexika zum Buchwesen und namhaften Beiträgen zu Paläographie und Handschriftenkunde auch eine zweibändige Geschichte des deutschen Zeitschriftenwesens und die „Bibliographie der Zeitschriften des deutschen Sprachgebietes bis 1900“ in vier Bänden erarbeitet hatte, war auf diesem Weg vorausgegangen. Der Sohn hat zum zweiten Band des väterlichen „Zeitschriftenwesens“ das Kapitel „Wirtschaftliche Grundlagen des Zeitschriftenverlages im 19. Jahrhundert“ beigesteuert; ein Jahr später, 1963, veröffentlichte er die Monographie „Die Zeitschrift am Markt“.

Beginnend in den 1960er Jahren, hat Hans-Martin Kirchner in zahlreichen Übungen den Studierenden des damaligen Instituts für Zeitungswissenschaft seine fachlichen Kenntnisse vermittelt. In den damaligen Vorlesungsverzeichnissen findet man etwa seine „Einführung in die Media- und Werbeforschung in Theorie und Praxis“ (WS 1968/69), seine Übungen „zur Inhaltsanalyse von Fachzeitschriften“ (SS 1970) oder „Medienforschung für Fortgeschrittene“ (SS 1971). Viele Jahre lang hat er, als ständiger Besucher noch an den Unterkünften am Karolinenplatz oder in der Schellingstraße, auch die Dozenten des Instituts an seinem unerschöpflichen, staunenswert weiten Wissensbesitz teilhaben lassen. Und auch im Allgemeinen Lesesaal der Staatsbibliothek konnte man ihm über Jahre hinweg kontinuierlich begegnen: Er arbeitete bis ins hohe Alter an einer großangelegten Dokumentation der deutschen technisch-naturwissenschaftlichen Zeitschriften, unermüdlich, bis seine Augen ihm den Dienst versagten. Es gelang zuletzt, seine reichhaltigen, sämtlich auf Autopsie beruhenden Annotationen zu diesen Zeitschriften für den OPAC der Bibliothek des Deutschen Museums zu sichern. Was über ein solches Vermächtnis hinaus von Hans-Martin Kirchner bleiben sollte, ist nicht zuletzt die Erinnerung daran, dass Wissenschaft sich keineswegs nur in großen, öffentlichkeitswirksam präsentierten Entdeckungen und Erfindungen abspielt, vielmehr auch und gerade in entsagungsvoller Kärrnerarbeit, die nach Jacob Grimms schönem Wort „das Kleine wie das Große gleich sorgsam“ beachtet und sich damit in den Dienst einer ganzen Fachgemeinschaft stellt.


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