Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IFKW)
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Nachruf auf Wolfram Peiser von Benjamin Krämer

02.07.2021

Wolfram Peiser

Wer sein Augenmerk vor allem aufs Schreiben legt, hat eine gewisse Chance, dass die Werke die Erinnerung an einen wachhalten. Wer dagegen aufwändig lehrt und betreut, ist darauf angewiesen, dass Erzählungen und bestenfalls eine kurze Danksagung in einem Vorwort von dieser Leistung künden. Man kann skeptisch sein, ob es Wolfram Peiser auf Nachruhm angekommen sei. Nun, da er leider nach längerer Krankheit und doch recht plötzlich verstorben ist, ist es trotzdem – und viel zu früh – an der Zeit, ihn zu würdigen. Und dabei sollte man vielleicht in der Tat damit beginnen, wie extrem gründlich er seine Lehre gestaltete und wie viel Aufwand er in die Betreuung steckte. An seinem Lehrbereich waren die Gespräche über Qualifikationsschriften und berufliche Wege von fast legendärer Länge und auch alle anderen in seinem Umfeld kannten seine gründlichen Erörterungen, seine wohldurchdachten Argumentationen in Sitzungen und Unterhaltungen. Er war kein Freund unsystematischer Vorgehensweisen, einseitiger Begründungen und vorschneller Entscheidungen, sei es in wissenschaftlichen oder organisatorischen Dingen.
Von dieser Gründlichkeit zeugen natürlich auch seine Publikationen, die entsprechend mit recht zeitlosen Einsichten aufwarten können und oft scheinbar Selbstverständliches hinterfragen. So bleibt hoffentlich auch in Erinnerung, wie viel Grundlegendes und Differenziertes Wolfram Peiser etwa zum berüchtigten „Riepl’schen Gesetz“ oder zur Bedeutung von Kohorten im sozialen und Medienwandel zu sagen hatte.
Trotz dieser Zeitlosigkeit überraschte er gelegentlich mit populärkulturellen Referenzen, die man von dem auf den ersten Blick eher spröde wirkenden Herrn nicht unbedingt erwartet hätte. Allen, die näher mit ihm zu tun hatten, offenbarte sich auch bald seine spezielle Art der Menschenkenntnis und vor allem sein besonderer Humor: Gerne überspitzte er die universitäre Bürokratie, die Ineffizienzen und Fehlanreize im Hochschulsystem (die er als studierter Ökonom stets durchschaute), aber auch die Eigenheiten der Mitmenschen, und überhaupt die Seltsamkeiten des Alltags und der Gesellschaft. Das schwankte je nach Gegenstand und Laune zwischen Frotzeleien, absurder Komik und sarkastischer Ironie.
Wolfram Peiser wäre mit diesem Nachruf sicher nicht so einverstanden gewesen: zu viel Aufmerksamkeit für seine Person und die Urteile nicht gründlich abgewogen. Aber er war eben auch ein sehr liberaler akademischer Mentor (und warnte, ganz Ökonom, auch vor übertriebener Gründlichkeit ohne Verhältnis zum Ertrag): Wenn er sich versichert hatte, dass man etwas ausreichend durchdacht hatte, und er seine eigenen Ratschläge mitgeteilt hatte, dann ermutigte er einen, sich selbst zu entscheiden, denn man musste das Ergebnis schließlich selbst vertreten. Anderen einen Ansatz aufzunötigen, sich gar als Begründer einer Schule zu sehen, entsprach nicht seinem Charakter (alle um ihn herum gingen höchstens durch seine „Schule“ des systematischen Denkens und gründlichen Infragestellens). Ich kann jedenfalls gut vertreten, ihn so beschrieben zu haben, und hoffe, dass möglichst viele der Beschreibung zustimmen und ihn so in guter Erinnerung behalten werden.

(Dieser Nachruf erscheint in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift Publizistik.)


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