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Radikalisierung in sozialen Netzwerken: Die Rolle von kognitiven Verzerrungen

Seit 2020 forschen Prof. Dr. Diana Rieger und Dr. Brigitte Naderer im Rahmen des EU-geförderten Projektes PRECOBIAS (Prevention of Youth Radicalisation Through Self-Awareness on Cognitive Biases) zu der Rolle mentaler Prozesse und kognitiver Verzerrungen im Rahmen extremistischer Kommunikation auf sozialen Medien. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

08.10.2021

In Europa bleibt Extremismus auch in Zeiten einer Pandemie eine ernsthafte Bedrohung. Die Attacke am 05. Oktober vor der Synagoge in Hamburg hat dies erneut bewiesen. Um Menschen zu rekrutieren und für ihre Sache zu begeistern, sind Extremist*innen in sozialen Netzwerken sehr aktiv. Laut einer europäischen Umfrage (2018) sind bereits 77% der Jugendlichen mit Gewaltaufrufen online konfrontiert worden. Im November 2019 entfernte die Europäische Sicherheitsbehörde (Europol) mehr als 26.000 Beiträge mit Bezug zum sogenannten Islamischen Staat aus den sozialen Netzwerken. Dies ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs, hinter dem sich die Propagandapraktiken verdeckter Akteure verbergen: Viele Extremist*innen befürworten eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Ziele, ohne sich offiziell einer terroristischen Organisation anzuschließen. Dennoch verbreiten sie gewalthaltige Propaganda inmitten banaler, neutraler Postings, was diese Aufrufe besonders wirksam machen kann, um Personen anzuziehen, die sich im Prozess der Radikalisierung befinden. Denn die eingebetteten Inhalte wirken demnach wie ein Wolf im Schafspelz. Gleichzeitig ist es dadurch schwieriger für Außenstehende bspw. für Behörden diese Botschaften zu erkennen und folglich löschen zu können.

"Wir gegen die"

Prof. Catherine Bouko ist Forscherin und Spezialistin für Diskursanalyse an der Universität Gent. Im Rahmen des europäischen Projekts PRECOBIAS (*) hat ihr Team 3.000 Postings auf Facebook und Instagram von extremistischen Salafist*innen untersucht. Diese Analyse ergab, dass sich 7 bis 24% der Beiträge in jedem Profil den Salafist*innen gegenüber außenstehenden Gruppen (Nichtgläubige, Westler usw.) aussprechen. Diese Opposition - "wir gegen die" - kann ein erstes Einfalltor zu Polarisierung und schließlich zur Radikalisierung sein.

3 Schlüsselelemente im extremistischen salafistischen Diskurs

Wie die Propaganda des Islamischen Staates beruht die Opposition gegen "feindliche" Gruppen auf mehreren Elementen. - Die Verschärfung einer Krise. Beispiele: Darstellung der Verfolgung von Muslim*innen damals und heute, Kritik an der internationalen Politik oder an den Haftbedingungen muslimischer Gefangener usw. - Die Schaffung einer kollektiven Identität, indem bspw. Gefangene und Terrorist*innen zu Held*innen gemacht werden und Quellen der Inspiration sind. - Die Unmöglichkeit jeder Beziehung und die Anwendung von Gewalt als Lösung für die herausgearbeitete Krise. Die Anwendung von Gewalt als Lösungsvorschlag wird nur äußerst selten explizit formuliert (weniger als 1% der Postings). Meistens findet sich dieser Aufruf implizit in den Postings. Dadurch ist es möglich, die Geschäftsbedingungen von Facebook und Instagram zu umgehen und so die Entfernung der Beiträge zu verhindern. Diese Propagandatechniken sind nicht nur bei extremistischen Salafist*innen zu finden. Ähnliche Techniken wurden auch bei der Analyse von 500 rechtsextremen Postings identifiziert.

Mechanismen im Zusammenhang mit extremistischen Inhalten

Kognitive Verzerrung spielen in extremistischen Narrativen und in der potentiellen Wirksamkeit von extremistischen Inhalten eine Rolle. Daher eine kurze praktische Einführung was kognitive Verzerrungen (auch Bias) sind.

Beispiele für kognitive Verzerrungen:

- Die Bestätigungs-Verzerrung erklärt die Tendenz, Informationen so zu suchen, zu favorisieren und zu interpretieren, damit sie bestehenden Überzeugungen und Meinungen bestätigen. Menschen zeigen diese Voreingenommenheit, indem sie Information selektiv aussuchen und somit ihre bereits bestehenden Annahmen bestätigen.

- Die Negativitäts-Verzerrung erklärt, warum negative Informationen für uns deutlicher hervorstechen und uns stärker beeinflussen. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Art und Weise, wie wir Kommentare zu unserer Arbeit verarbeiten. Ein negativer Kommentar kann unsere Stimmung viel maßgeblicher beeinflussen als 10 positive Kommentare.

- Der Hostile-Media-Effekt (Feindliche-Medien-Effekt) bezieht sich auf die Neigung von Personen mit einer starken vorherrschenden Einstellung zu einem Thema, die Medienberichterstattung als voreingenommen gegen ihre eigenen Ansichten und zugunsten des Standpunktes ihrer Gegner wahrzunehmen.

Die Macht kognitiver Verzerrungen

Der Einsatz des Narrativs: "Wir gegen die", das Extremist*innen in ihren Botschaften verwenden, ist mit dem Phänomen der kognitiven Verzerrungen verbunden, für die wir alle anfällig sind. Kognitive Verzerrungen sind keine „Störungen im Gehirn" und haben auch nichts mit Intelligenz zu tun. Sie sind natürliche Mechanismen des Denkens, die uns dazu veranlassen, von unserer Rationalität und unserem kritischen Urteilsvermögen abzuweichen. Sie sind relevante Erklärungsmechanismen warum Desinformation, Polarisierung und Radikalisierung funktionieren können. Die Forscher*innen im PRECOBIAS Projekt haben deshalb extremistische Propaganda unter dem Blickwinkel kognitiver Verzerrungen im Hinblick auf Wirkungen und inhaltliche Merkmale analysiert.

Legitimierung von Gewalt

Prof. Diana Rieger und Dr. Brigitte Naderer, Forscherinnen am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, führten im Rahmen des PRECOBIAS-Projekts psychologische Experimente durch. Sie fanden heraus, dass der Ingroup-Outgroup Bias, eine kognitive Verzerrung der das Festhalten an der Überzeugung, dass die eigene definierte Gruppe einer außenstehenden Gruppe überlegen sei, sich verstärkend auf extremistische Einstellungen auswirkte. Darüber hinaus aktivierten Gewaltnarrative, die in Social Media-Postings präsentiert werden, den Gerechtigkeitsglauben (eine weitere kognitive Verzerrung). Wird man also mit Gewaltaufrufen konfrontiert, dann nimmt dieser Gerechtigkeitsglauben zu, wohl um die dargestellte Gewalt in irgendeiner Form begreifen und einordnen zu können. Das kann dazu führen, solche Gewaltdarstellungen bis zu einem gewissen Grad zu legitimieren und damit potenziell den Prozess der Radikalisierung zu verstärken.

Kognitive Verzerrungen und Radikalisierung

Die Ergebnisse der PRECOBIAS-Forscher*innen zeigen also auf, dass kognitive Verzerrungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Menschen auf extremistische Narrative einsteigen. Dieser Zusammenhang ist in der bisherigen Forschung nicht untersucht worden und stellt somit eine neue Erkenntnis dar. Dabei haben sich die Forscher*innen dem Problem der Radikalisierung aus der Sicht der Bürger*innen und insbesondere der Jugendlichen genähert, die mit radikalen Inhalten online konfrontiert werden.

Kontakt

Diana Rieger (diana.rieger@ifkw.lmu.de) und Brigitte Naderer (brigitte.naderer@ifkw.lmu.de), Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, LMU München stehen Ihnen für weitere Informationen oder Interviewanfragen zur Verfügung. Dieses Interview könnte mit den anderen Expert*innen, die diese Untersuchung durchgeführt haben, stattfinden, falls Sie dies wünschen:

- Prof. Catherine Bouko, Forscherin und Spezialistin für Diskursanalyse an der Universität Gent.

- Pieter Van Ostaeyen, belgischer Spezialist für Dschihadismus an der KU Leuven

Über PRECOBIAS(*)

Das europäische Projekt PRECOBIAS zielt darauf ab, die digitale Belastbarkeit und die kritischen Denkfähigkeiten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu stärken. Es konzentriert sich auf die mentalen Prozesse, die im Spiel sind, wenn Jugendliche mit extremistischen Online-Diskursen konfrontiert werden. PRECOBIAS richtet sich an Jugendliche, die radikalisiert oder von Radikalisierung bedroht sind. Es richtet sich auch an Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen, die mit diesen Jugendlichen arbeiten, und stellt ab Frühjahr 2021 ein MOOC und pädagogische Ressourcen zur Verfügung, die sich mit kognitiver Voreingenommenheit und Radikalisierung befassen. Universitäten und Organisationen aus sechs Ländern (Belgien, Deutschland, Italien, Slowakei, Ungarn, Polen) arbeiten im Rahmen von PRECOBIAS zusammen.

Website Facebook Twitter: @precobias


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